Überblick - abgeschlossen

AG Humanprojekt - Zur Stellung des Menschen in der Natur


Mit den eindrucksvollen und unabsehbaren Fortschritten der Lebenswissenschaften, für die der erfolgreiche Abschluss des Humangenomprojekts steht, stellt sich die Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen mit einer wohl nie zuvor erfahrenen Dramatik. Die neuen Einsichten fordern, das überkommene Welt- und Menschenbild zu überdenken und verstärkt nach der Einbindung des Menschen in den Zusammenhang der Natur zu fragen.

Diese umfassende, letztlich unabschließbare Aufgabe kann nicht von einem Einzelnen geleistet werden. Sie dürfte aber auch die Kräfte einer Forschergruppe übersteigen, wenn es tatsächlich um kohärente, die Leistungen verschiedener Disziplinen einbeziehende Antworten gehen sollte. Man darf aber nicht länger zögern, die zentralen Fragen mit vereinten Kräften anzugehen, um sie mit Blick auf die neuen Einsichten wenigstens so zu stellen, dass sie als gemeinsame Aufgaben der Wissenschaft erkennbar werden. Spätestens der von einigen Neurophysiologen entfachte Streit über das Problem der Freiheit hat gezeigt, dass dieselben Phänomene in verschiedenen Disziplinen mit denselben Begriffen bezeichnet werden – obgleich offenkundig jeweils höchst Unterschiedliches gemeint ist.

Die Initiatoren des Humanprojekts sind der Überzeugung, dass dies nicht so sein muss. Es gibt weder sachliche noch methodologische Gründe, warum dieselben Phänomene von verschiedenen Disziplinen vollkommen unterschiedlich begriffen werden müssen. Deshalb ist eine gemeinsame Anstrengung der beteiligten Disziplinen nötig, um sich zumindest in der Beschreibung gemeinsamer Problembestände näher zu kommen. Es muss möglich sein, die Voraussetzungen zu einem nicht nur öffentlich wirksamen, sondern auch forschungsrelevanten interdisziplinären Diskurs zu schaffen, der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften eine sie tatsächlich verbindende Chance zu einheitlichen Lösungsvorschlägen bietet.

Hinter dieser Absicht steht die Überzeugung, dass es keine unüberwindlichen Schranken zwischen den Wissenschaftszweigen gibt. Trotz der geschichtlich gewachsenen und der durch verschiedene Formen der Selbstreferenz begründeten methodologischen Differenzen kann es – wenn schon kein einheitliches, dann doch wenigstens – ein interdisziplinäres und kooperatives Vorgehen der Wissenschaften geben. Im "Humanprojekt – Zur Stellung des Menschen in der Natur" gilt es, diese theoretisch gut begründete Überzeugung von der Einheit der Wissenschaften auch praktisch zu erproben.

Am Beispiel von insgesamt drei ausgewählten Problemkomplexen soll ermittelt werden, welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten in der Wahrnehmung, Beschreibung und Aufarbeitung einzelner Phänomene bestehen, um zunächst nach einer gemeinsamen Sprache zu suchen, über sie aber auch zu von allen wenn nicht getragenen, so doch wenigstens verstandenen Antworten zu gelangen.

Die drei Problemkomplexe sind:

die Evolution der Freiheit
die Funktionen des Bewusstseins
die Koevolution von Mensch und Kultur


In allen genannten Problemfeldern geht es immer auch um den Vergleich zwischen Mensch und Tier. In der Überzeugung, dass es keine Kluft zwischen einer  (naturwissenschaftlichen) Erklärung und einem (geisteswissenschaftlichen) Verständnis gibt und mit dem Wissen, dass alle vier Problemkomplexe nur unter den Bedingungen eines Lebens entstehen, das sich in allen Fällen individuell differenziert und sozial organisiert, ist das erste Teilziel des Projektes eine präzise und interdisziplinär getragene Definition und Eingrenzung der o.g. Fragestellungen. Diese sollen den Zugang zu einer von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften gemeinsam getragenen Debatte über den Selbstbegriff des Menschen eröffnen.


Die AG Humanprojekt arbeitet zum Thema Funktionen des Bewusstseins seit Juli 2006 in engem Austausch mit einer von Volker Gerhardt geleiteten interdisziplinären Gruppe von acht NachwuchswissenschaftlerInnen. Diese Arbeitsgruppe wird durch das BMBF gefördert und ist an der BBAW angesiedelt.