Naturgeschichte der Freiheit - abgeschlossen

1. Arbeitsschritt im Humanprojekt

Die in den letzten Jahren geführte Debatte über die Freiheit des menschlichen Willens hat ihren Ausgangspunkt in der Wiederbelebung einer alten Position: Die Neurophysiologen Roth und Singer sahen in experimentellen Ergebnissen aus ihrer Disziplin eine Bestätigung des klassischen Determinismus und erneuerten die These, dass es keine Freiheit gebe. Alle menschlichen Handlungen seien durch kausale Gesetze festgelegt; die Freiheit des Willens sei eine Illusion. Demgegenüber beharrten andere auf der – ebenfalls klassischen – Ansicht, dass es keinen Widerspruch zwischen kausaler Determination und praktizierter menschlicher Freiheit gebe. Dabei halten es manche für möglich, dass der Nexus der kausalen Bestimmung nicht vollständig geschlossen ist; für die Freiheit also immer noch eine Lücke besteht. Andere gehen davon aus, dass die Rede von der Freiheit einem anderen Sprachspiel angehört und daher von der Determination des Naturgeschehens gar nicht tangiert ist. Von den Letzteren halten einige dafür, dass der praktische Sinn von Freiheit mit der Kausalität vereinbar ist, während andere der Ansicht sind, dass die Rede von der „Kompatibilität“ von Kausalität und Freiheit die Trennung der semantischen Bereiche tendenziell rückgängig macht.

Im Humanprojekt sind Anhänger aller in der jüngsten Debatte erneuerten Positionen vertreten. Vorrangiges Ziel ist es, sie in ein Gespräch zu bringen, das die Konditionen und Horizonte der unterschiedlichen Auffassungen kenntlich und mitteilbar macht. Dies geschieht jedoch nicht nur in der Hoffnung, die Differenzen schärfer herauszuarbeiten. Ziel ist es vielmehr, neue Ansätze zu konturieren, die systematisch weiterführend sind, so dass in Zukunft vermieden werden kann, den bereits in der Antike geführten Streit zwischen Determinismus und Indeterminismus mit jedem vermeintlichen oder tatsächlichen Erkenntnisfortschritt zu wiederholen. Es liegt nahe, dass die beiden philosophischen Projektleiter, Julian Nida-Rümelin und Volker Gerhardt, ihre Auffassung in der systematischen Debatte zur Geltung bringen.

Eine Möglichkeit der Verständigung liegt in einer schärferen Abgrenzung physikalischer und biologischer Gesetzmäßigkeiten. Obgleich kein Zweifel darin besteht, dass lebendige Systeme ganz und gar der physikalischen Bestimmung unterstehen, haben sie durch die Automatismen der Selbststeuerung Spielräume spontaner und variabler Reaktion. Ohne sie könnte von der Selbstorganisation des Lebens keine Rede sein; sie sind die Bedingung der Individuation, der Variabilität und der Evolution.

Gelingt es, die Eigenständigkeit lebendiger Systeme in ihrer spezifischen Gesetzmäßigkeit genauer zu fassen, wäre es möglich, die Selbstorganisation des Lebendigen mit der Selbstbestimmung gesellschaftlich handelnder Personen zu parallelisieren. Nach den im Humanprojekt bereits im Herbst 2005 vorgetragenen Überlegungen von Volker Gerhardt ist es auf diesem Wege möglich, eine Annäherung biologischer und sozialer Beschreibungsverfahren zu erzielen. Gelingt dies, so kann man hoffen, dass sich die (sich stets in sozialer Selbstbestimmung äußernde) menschliche Freiheit als eine komplexe Form lebendigen Verhaltens ausweisen lässt. Damit hätte die Freiheit einen Ort in der Evolution des Lebens. Die Negation der Freiheit fiele dann mit der Negation des Lebendigen überhaupt zusammen, eine Konsequenz, die auch für Neurobiologen nicht ohne Folgen wäre.

Im ersten thematischen Schwerpunkt des Humanprojekts zur Evolution der Freiheit sind daher besonders Biologie (insbes. Neurobiologie), Psychologie, Physik und Chemie sowie Philosophie gefragt. Voraussetzung für einen interdisziplinären Dialog ist dabei, auch die Grundüberzeugungen der eigenen Disziplin zu hinterfragen sowie die Bereitschaft, anders zu denken und eine schwierige terminologische Ausgangssituation nicht als Verdikt der generellen Unmöglichkeit von Verständigung anzusehen.

In diesem Sinne werden Beiträge unterschiedlicher disziplinärer Provenienz diskutiert und immer wieder die Frage aufgeworfen, welches ein gemeinsamer Begriff von Freiheit sein kann, der sich sowohl naturwissenschaftlich erklären als auch kulturwissenschaftlich verstehen lässt. Nur eine vermittelte Position, die nicht auf einander ausschließenden Gegensätzen beruht, vermag einen angemessenen Beitrag zur Klärung der Stellung des Menschen in der Natur zu leisten, denn der Mensch ist weder allein durch seine physische noch allein durch seine psychische Existenzform adäquat beschrieben.

Die Publikation der Forschungsergebnisse erschien im August 2007 unter dem Titel Naturgeschichte der Freiheit im Verlag Walter de Gruyter (Berlin/New York). Eine Übersicht über die in diesem Band publizierten Beiträge finden Sie hier.