Funktionen des Bewusstseins - abgeschlossen

2. Arbeitsschritt im Humanprojekt

Bewusstsein hat jeder, der denkt oder spricht – aber niemand vermag genau zu sagen, was es ist. Bei jeder Beschreibung und Erklärung setzen wir hypothetisch voraus, dass der Adressat schon weiß, wovon die Rede ist. Diese Ausgangslage können und wollen wir nicht ändern. Aber sie lässt sich verfremden, ohne dass uns das – immer schon vertraute – Bewusstsein so fremd werden muss, wie das bei kausalanalytischen Erklärungen der Fall ist. Dazu brauchen wir das Bewusstsein nur als ein Organ aufzufassen, das, wie alle anderen Organe des tierischen und menschlichen Körpers, bestimmte Funktionen erfüllt – oder zumindest erfüllen könnte. Auch Funktionen, also Leistungen zu möglichen Zwecken, erkennen wir nur aus der Position des verstehenden Bewusstseins. Mit dem in der funktionalen Beschreibung vollzogenen Stellungswechsel ist es möglich, elementare Ziele, wie etwa das der Selbsterhaltung oder der Selbststeuerung eines Organismus, zu unterstellen. Dadurch ist eine Erklärungsebene erreicht, auf der grundlegende Systemprozesse nicht nur biologisch, sondern auch physikalisch beschrieben werden können. Sollte es möglich sein, von ihr aus einen Zugang zu grundlegenden Leistungen des Bewusstseins zu finden, wäre tatsächlich etwas (natur- und gesellschaftswissenschaftlich) erklärt und dennoch (kultur- und geisteswissenschaftlich) verstanden. Die funktionale Erklärung kann sich so als methodologische Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften erweisen. Ihre Prämisse ist, dass sie sich jeweils auf den ganzen Organismus, in diesem Fall: auf den ganzen Menschen in seinem geschichtlichen und gesellschaftlichen Umfeld einzulassen hat. Allein dazu benötigt sie die Kenntnisse und Verfahren der Geisteswissenschaften, ohne auf das Wissen der Lebens- und Naturwissenschaften verzichten zu können.

Unter Bewusstsein verstehen wir zunächst den jedem Einzelnen vertrauten Komplex heterogener Phänomene wie Wachheit, Wahrnehmung, Gewahrsein, Aufmerksamkeit, Gefühl(e), Selbstreflexion, Erinnerung, kognitive Leistungsfähigkeit etc., also diejenigen Zustände, die uns den Eindruck vermitteln, in verschiedenen Leistungen immer auch wir selbst zu sein. In der heutigen Forschung wird vor allem aus naturwissenschaftlicher Perspektive versucht, auf diese Probleme einzugehen und sie zu erklären. Die Hirnforschung und die Neurowissenschaften sind zu Leitwissenschaften avanciert und haben die Beiträge der Geisteswissenschaften in den Hintergrund gedrängt: schließlich, so heißt es bisweilen unter Neurowissenschaftlern, befänden wir uns derzeit im „Zeitalter des menschlichen Gehirns“. Dabei ist jedoch zweifelhaft, ob dieser Weg der naturwissenschaftlichen Erklärungsversuche allein überhaupt geeignet ist, das Phänomen Bewusstsein angemessen zu fassen: wie sollte denn eine Erklärung der neuronalen Abläufe in dem Klumpen grauer organischer Materie das erklären können, was wir in unfassbarer Reichhaltigkeit als unser Bewusstsein erfahren? Andererseits ist unklar, auf welche Weise die Introspektion und die Reflexion, als klassische Methoden der Geisteswissenschaften, dazu beitragen können, die organischen Abläufe im Gehirn zu verstehen. Hier besteht also ein explanatory gap, den wir in einer disziplinübergreifenden Kooperation zum Phänomen Bewusstsein gemeinsam überwinden wollen.

Im thematischen Schwerpunkt Funktionen des Bewusstseins des Humanprojekts ist diese sachliche und methodologische Problematik bewusst. Ziel ist es dennoch, die von Reduktionismen dominierte hirnphysiologische Debatte um die Perspektive der Geisteswissenschaften zu bereichern, ohne die Impulse aus den Naturwissenschaften zu vernachlässigen. Statt einer Beschränkung der Aufmerksamkeit auf das Gehirn soll der ganze Mensch, in seiner Gesamtverfassung und mit seinen Handlungsvollzügen in einem biologischen und sozialen Lebenskontext, in den Blick genommen werden.

Es empfiehlt sich, von einer Mehrzahl von Funktionen des Bewusstseins zu sprechen, weil es eine Vielzahl von bewussten Leistungen gibt. Bei den durchaus unterschiedlichen Leistungen anzusetzen, hat auch den Vorteil, das große Problem in mehrere kleinere zergliedern zu können. Bei einer Betrachtung der Funktionen, verstanden als Leistungen im Kontext, ergeben sich Ansatzpunkte für alle beteiligten Wissenschaften: evolutionäre Aspekte der Entstehung von Bewusstsein können von der Biologie berücksichtigt werden, die Steuerung des Organismus können die Neurowissenschaften untersuchen, alles, was mit dem individuellen Verhalten verbunden ist, fällt in das Gebiet der Psychologie, die Fragen nach Sinn und Bedeutung haben eine geisteswissenschaftliche Konnotation, die Organisation sozialer Abläufe und Zusammenhänge wird von den Gesellschaftswissenschaften behandelt etc. Da sich die Funktionen aber überschneiden, eröffnet die Analyse verschiedener Funktionen die Möglichkeit, einen wirklichen Dialog zwischen Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu führen, denn die Funktionen der Erinnerung und Speicherung, der Orientierung und Strukturierung, der Artikulation und der Kommunikation, sowie der Bewertung und der Stiftung individueller wie sozialer Identität, zu denen das Bewusstsein beiträgt und die von den materialen Aspekten der körperlichen Leistung nicht zu trennen sind, stellen jeweils Arbeitsfelder verschiedener Wissenschaften dar. Es lässt sich unter präzisen Annahmen vermuten, dass Bewusstsein sich vielleicht nur gebildet hat, weil wir genötigt sind, in Gemeinschaften zu kooperieren und zu kommunizieren – und mit den dabei auftretenden Störungen (Dissonanzen) fertig zu werden. Im Bewusstsein konstituiert sich die öffentliche Sphäre des Lebens; es ist bereits in sich selbst sozial verfasst. Die Zergliederung der Funktionen des so gefassten Bewusstseins schafft also überschaubare und inhaltlich abschließbare Arbeitsfelder, innerhalb derer die verschiedenen am Humanprojekt beteiligten Disziplinen zusammenarbeiten können. Die Ergebnisse der Einzelprojekte mögen dann insgesamt einen Beitrag zur Lösung des Gesamtproblems leisten.

Zu diesem Thema arbeitet das Humanprojekt eng mit den Mitglieder der AG Funktionen des Bewusstseins zusammen.

Die Forschungsergebnisse wurden im Jahr 2008 im Band Funktionen des Bewusstseins veröffentlicht.